Eine Geschichte zum Nachdenken: Paul die Brieftaube

Paul die Brieftaube

Hallo liebe Leser! Hier startet eine Reihe von Kurzgeschichten über die Abenteuer von einer Brieftaube namens Paul. Wem die Geschichte gefällt, kann gerne ein Kommentar hinterlassen (dann folgen auch Fortsetzungen, die jeweils mit einem fett markierten Wort beginnen).

Paul die Brieftaube
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Es war einmal eine Taube namens Paul. Genauer gesagt, war Paul eine Brieftaube. Er lebte in einer lang vergangenen Zeit an einem weit entfernten Ort. Überall im Umkreis war er bekannt und beliebt. Der türkisblaue Hut auf seinem Kopf und die braune Umhängetasche um seinen Hals waren sein Markenzeichen. Diese Kleidung hatte aber ihren Sinn:

Sein Lebenswerk war es nämlich, Briefe von einer Person zur nächsten zu bringen. Es machte ihn glücklich, wenn er in die erwartungsvollen Gesichter der Menschen sah und dabei wusste, dass er ihnen hilft. Hinter seinem so fröhlich erscheinenden Gemüt verbarg sich jedoch eine Geschichte, die Paul lieber vergessen wollte.

Paul stellte besonders gerne Liebesbriefe zu. Woher wusste er aber, wann es Liebesbriefe waren und wann nicht? Eigentlich war das ganz einfach: Er sah es sowohl in den Augen der Absender, als auch in den Augen der Empfänger. Paul nannte diese Liebesbriefe jedoch „Seelenbriefe“, weil er in den Augen all dieser Menschen eine Seele erkennen konnte. Bei vielen anderen Menschen sah er diese Seele nicht, aber er trug dennoch ihre Briefe aus.

Tagein und tagaus flog er durch die nahegelegenen Dörfer und Städte. Paul erkannte schnell, wo er gebraucht wurde: Menschen, die einen Brief versenden wollten, klemmten ihn zwischen ihre Fenster, damit ein Teil des Briefes nach außen ragte und leicht im Wind flatterte.

So war es auch an diesem Tag, der für Paul anfangs wie ein ganz normaler Tag erschien. Schon bald aber sollte er bemerken, dass dieser Tag sein Leben komplett verändern würde. Als er gerade durch ein kleines und bescheidenes Dorf namens „Langheim“ flog, winkte ihm eine alte Dame mit einem Brief zu. Sie beugte sich aus dem Küchenfenster nach vorne und rief erfreut nach Paul:

„Hier ist ein Brief für dich, Paul! Kannst du ihn bitte heute noch zustellen? Es ist sehr sehr wichtig!“

Pauls Augen leuchteten auf, denn er erkannte die alte Dame sofort: Es war Hildegard, die den Brief mit ihrem zarten und faltigen Arm durch die Luft fächerte. Paul landete gekonnt auf dem Fenstersims und neigte seine Kopf seitlich zu Hildegard.

„Hallo Hilde! Hast du wieder einmal einen Seelenbrief für mich?“, gurrte Paul neugierig.

Hildegard nickte Paul mit einem hoffnungsvollen Lächeln zu und erwiderte euphorisch:

„Es wäre sehr lieb von dir, wenn du es heute noch schaffst. Ich weiß, dass die Sontstadt ein ganzes Stück weit entfernt liegt, aber mein Enkel dort sollte den Brief so bald wie möglich erhalten. Er wohnt dort in der Leinstraße 12. Meinst du, du schaffst das?“

Paul nickte deutlich mit seinem kleinen schieferblau gefiederten Kopf auf und ab und tapste näher zur alten Dame heran, die den Brief klein zusammenfaltete und behutsam in Pauls braunes Täschchen steckte.

„Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann, Paul! Frag nicht, was drin steht! Ich sehe, wie deine Augen neugierig in Richtung Tasche schielen.“, mahnte Hildegard schmunzelnd mit erhobenem Zeigefinger.

Wieder wippte Paul mit seinem Köpfchen auf und ab. Was er aber bei all dem nicht sah, war, wie stark Hildegard ihre Schmerzen vor ihm verbarg. Sie stützte sich mit aller Kraft auf dem Fenstersims ab. Hätte Paul dahinter blicken können, hätte er gesehen, dass Hildegards Füße kaum noch zu gebrauchen waren. Sie hatte weder einen Rollstuhl, noch eine ordentliche Gehhilfe. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Sie stützte ihren Körper auf wackeligen Beinen nur noch mit einem alten Wanderstock ab, wenn sie sich durch die Wohnung bewegen musste.

Paul verabschiedete sich und schwang sich mit seinen schieferblauen Flügeln in die Lüfte. Wie dringlich und wie traurig die Nachricht war, die er bei sich trug, war ihm nicht bewusst. Es war ein Seelenbrief, aber der Inhalt dieser eng zusammengepressten Zettel würde tragische Auswirkungen auf den Empfänger haben. Mit dieser Unwissenheit flog Paul eilig nach Sontstadt, um den Brief zuzustellen. Etliche Stunden später erblickte er schließlich den alten Kirchturm, der aus dem Zentrum der Stadt empor ragte. Als er in der Leinstraße 12 ankam, fiel ihm auf, dass Hildegard ihm den Namen ihres Enkels gar nicht mitgeteilt hatte.

Nachdenklich tapste Paul auf dem Dach des Hauses hin und her. Es würde zu lange dauern, um zu Hildegard zurück zu fliegen und sie wollte schließlich, dass der Brief noch heute zugestellt wird. Zögerlich zerrte Paul die Zettel mit dem Schnabel aus der Tasche. Er war in der Hoffnung, dass die alte Dame den Namen ihres Enkels vorne notiert hatte. Mit seinen kleinen runden Augen schielte Paul auf den Zettelstapel, den er fest mit seinem Schnabel umklammerte. Leider sah er nirgends eine Aufschrift – es war lediglich ein Haufen eng zusammengefaltetes und abgegriffenes Papier.

Paul war verunsichert und traurig. Was sollte er jetzt tun? Erfolglos versuchte er, die Zettel zurück in sein Täschchen zu stecken. Dabei schweifte sein Blick an der Dachrinne hinunter, wo er all die Fenster des Hauses sah. Er überlegte und blinzelte mit seinen Augen. Ein Grollen oben am Himmel verhieß nichts Gutes – es würde mit Sicherheit bald regnen.

Mit den Zetteln im Schnabel flatterte Paul auf den nächstgelegenen Fenstersims. Er wollte nicht mehr länger zögern, sondern den Enkel von Hildegard finden, bevor der Tag vorbei war.

Er tippte mit seinem Schnabel gegen die Fensterscheibe, durch welche er eine junge Frau sehen konnte. Sie war beim Kochen und zuckte kurz zusammen, als sie das tippende Geräusch am Fenster hörte.

Mit verwundertem Blick öffnete sie das Fenster und wollte Paul eigentlich verscheuchen. Das änderte sich schlagartig, als sie die Zettel in Pauls Schnabel sah und Paul aus dem Schnabel zog.

“Hallo, ich heiße Paul! Bitte nicht lesen, diese Zettel sind für den Enkel von Hildegard! Wohnt er hier?”, fragte Paul freundlich, obwohl er die Abneigung der jungen Frau erkannte.

“Was?! Du kannst sprechen?”, stotterte die junge Frau verblüfft und trat einen Schritt zurück.

“Ja, ich bin Paul! Ich bin eine Brieftaube und stelle Briefe zu… aber hier kennen mich viele wohl noch nicht.”, antwortete Paul immer noch freundlich, aber mit fixiertem Blick auf die Zettel in der Hand der jungen Frau.

“Hildegard… lass mich überlegen… zwei Stockwerke tiefer habe ich mal eine alte Dame bei einem jungen Mann eintreten sehen. Vielleicht ist das ihr Enkel gewesen.”, grübelte die junge Frau vor sich hin.

“Danke für deine Hilfe!”, gurrte Paul und öffnete mit erwartungsvollem Blick seinen Schnabel.

Die junge Frau verstand erst seine Geste nicht, doch zuckte kurz darauf mit ihrer Hand nach vorne, um ihm die Zettel wieder zu geben.

Paul nickte nochmals dankend mit dem Kopf und sank daraufhin zwei Stockwerke tiefer. Er war froh, dass ihm die junge Frau geholfen hatte, aber er hatte ihr ihre Abneigung gegenüber ihm sofort angesehen. Paul wusste nur zu gut, was solche Menschen über ihn dachten und das machte ihn immer traurig. Deshalb versuchte er, diese Menschen zu meiden.

Nach abermaligem Klopfen an diesem Küchenfenster öffnete schließlich wirklich ein junger Mann das Fenster.

“Bist du Paul die Brieftaube? Ich habe schon viel von dir gehört, aber dich noch nie gesehen! Suchst du etwa nach mir?”, fragte der Mann überrascht.

“Wenn Hildegard aus Langheim deine Oma ist, ja!”, erwiderte Paul, nachdem er die Zettel auf dem Fenstersims abgelegt und mit seinen Krallen fixiert hatte.

Der junge Mann nickte und erwiderte: “Ja, ich bin Henri und Hildegard ist meine Oma. Sie hat mir von dir erzählt… das ist allerdings schon eine ganze Weile her…”

Paul senkte sein Köpfchen und blickte auf die gefalteten Zettel unter seiner Kralle. Henri beobachtete ihn stumm und führte seine Hand langsam zum Brief seiner Oma. Paul löste seinen Fuß und Henri faltete still und gespannt die Zettel auf.

Seine Neugier konnte Paul kaum verstecken. Er wartete auf das glückerfüllte Lächeln und auf die strahlenden Augen, die er sonst immer sah. Diese Hoffnung erlosch, als Henris Augen immer tiefer durch die Zeilen des Blattes huschten und langsam glasig wurden. Ein kurzes Schluchzen brach aus Henri heraus, bevor er sich wieder fassen und weiterlesen konnte.

„Was ist denn los, Henri?“, fragte Paul erstaunt und besorgt zugleich.

Henri blickte kurz hinter dem Papier hervor und warf Paul einen flüchtigen Blick zu. Paul war verwirrt, denn irgendwie erschien ihm der Blick ein wenig reumütig. Auf eine Erklärung musste er allerdings nicht lange warten.

Als Henri die Seiten gelesen hatte, atmete er kurz durch. Wenige Augenblicke später räusperte er sich und begann, Paul den Brief vor zu lesen.

Lieber Henri,

ich weiß, es ist lange her, dass ich dich besucht habe. Vermutlich hättest du mich viel eher besucht, wenn du von meiner Krankheit gewusst hättest. Seit ich wusste, womit ich es zu tun hatte, nahm ich mir etwas vor.

Ich wollte nur jenen davon erzählen, die mich auch fragten wie es mir geht. Damit meine ich nicht das flapsige “Wie geht’s?” von heute. Ich meine das “Wie geht’s?” mit einem kurzen aber tiefen Blick in die Augen. Das “Wie geht’s?” bei welchem kurz innegehalten wird, weil es wirklich von Interesse und Bedeutung ist.

Bis heute haben mich das nur sehr wenige Menschen so gefragt. Wie dem auch sei, mein lieber Henri:

Ich verlange nichts von dir, aber ich wollte dich lediglich wissen lassen, dass ich dich wohl nicht mehr besuchen können werde.

Wie die Ironie es will, schicke ich dir diese Nachricht mit einer Brieftaube. Eine Brieftaube wie jene Tauben, die dein Opa früher züchtete und schließlich aussetzte. Ich verspüre heute Reue für das, was er getan hat.

Für sie wurde die Natur das, was meine eigene Wohnung jetzt für mich ist: Ein Ort, an welchem ich nur noch schwer zurechtkomme. Obwohl die Zeiten schon lange vorbei sind, bereue ich es, dabei zugesehen zu haben.

Jetzt kommt es mir so vor, als spüre ich noch viel tieferes Mitleid für diese Geschöpfe. Es ist spät und im Leben ist es häufig zu spät für das, was eigentlich zählt. Ich will dir deshalb regelmäßig Briefe schicken. Sagst du Paul bitte, dass er jede Woche bei mir vorbeikommen soll?

Und solltest du irgendwann keinen Brief mehr von mir erhalten, wäre es schön, wenn du bei mir vorbei schaust, Henri. Ich weiß, du hast dein eigenes Leben und deine eigenen Probleme.

Du sollst wissen, dass es eine Freude und ein besonderes Glück für mich war, dich groß werden zu sehen. Falls deine alte Oma dir noch irgendwie helfen kann, lass es mich bitte wissen.

Bis bald und alles gute, mein Enkel!

Paul blinzelte mehrmals und starrte ins Leere. Ihm schwirrte sofort die Erinnerung an jene Zeit durch den Kopf, als er sich verloren fühlte. Verloren und hilflos in dieser großen weiten Welt. Kurz darauf schüttelte er den Kopf und besonn sich wieder auf das Hier und Jetzt.

“Ich habe meine Oma ziemlich vernachlässigt, Paul. Schau dir diesen stummen Hilfeschrei an: Sie erwartet nichts mehr vom Leben oder von Ihren Mitmenschen. Diese gefasste Verzweiflung in Ihren Worten… ich habe sie enttäuscht und dennoch verspürt sie nur Reue, weil Sie früher dich enttäuschte.”, schluchzte Henri vor sich hin, während er mit dem Handrücken immer wieder auf den Fensterrahmen schlug.

Paul musterte Henri genau und erkannte, dass er die eigentliche Botschaft des Briefes noch nicht ganz erfasst hatte. Er tappte einige Schritte zurück und blickte auf die weite Welt vor ihm, die gerade von vielen Regentropfen unscharf gemacht wurde.

“Alles, was wir haben, ist das Jetzt, Henri. Vielleicht solltest du deine Oma baldmöglichst besuchen und mit ihr reden. Briefe sind schön und gut. Weißt du, ich nenne solche Briefe Seelenbriefe. Das wichtigste bei all dem ist aber nicht der Brief, sondern der Kontakt zweier Seelen. Einander offen zu begegnen funktioniert aber immer noch besser, als jeder Brief…”

“Du bist genauso, wie Oma. Anstatt von dir zu reden, redest du von mir. Warum stellst du Briefe für jene Menschen zu, die dich ausgesetzt und im Stich gelassen haben?”, fragte Henri verwirrt.

Paul blinzelte und neigte seinen Kopf zur Seite – mit einem Auge tief in Henris Augen blickend erwiderte er:

“Alles, was wir haben, ist Jetzt, Henri.”

 

 

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